Bridgeclub Dietzenbach e.V.

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Der folgende Text von Dr. Christoph Höcker (Bridge-Club Bonstetten) darf mit freundlicher Genehmigung auf unserer Seite veröffentlicht werden.

Spielstrategien im Paarturnier

Grundlage aller strategischen Überlegungen im Paarturnier ist das Wertungsverfahren der erspielten Resultate, hier in der Regel das ‚Matchpunkt-Scoring’. Alle auf einem Boardzettel versammelten Anschriften werden am Ende in eine Reihenfolge gebracht (genauer gesagt in zwei Reihenfolgen, nämlich eine aus Sicht von N/S und eine aus Sicht von O/W). Diesen Reihenfolgen werden Matchpunkte zugeordnet: von 0 für die schlechteste Anschrift (eben der ‚Nuller’) bis X für die beste (der ‚Top’), jeweils auf beiden Achsen. X ist variabel und abhängig von der Zahl der Anschriften. Jedem Nuller auf der einen steht also ein Top auf der anderen Seite gegenüber, die anderen Scores gruppieren sich entsprechend dazwischen ein. Das bedeutet, daß in dieser Turnierform der absolute Score und vor allem auch der kleinste Unterschied von Belang ist – im Gegensatz zur relativen Abrechnung im Teamturnier. Die von den jeweiligen Paaren erspielten Matchpunkte werden am Ende aufaddiert und in eine Beziehung zur maximal möglichen Punktsumme (eben dem Prozent-Ergebnis) gebracht. Alle Boards sind insofern gleichwertig, als sie jeweils gleichen Anteil am Gesamtergebnis haben. Spielt man z.B. ein (theoretisches) Turnier mit 25 Boards, ist jedes Board 4 % vom Endresulat wert. Je mehr Boards gespielt werden, desto weniger wiegt ein einzelnes Board, desto nivellierter werden am Ende die Prozent-Ergebnisse und desto eher werden sich die besseren Paare durchsetzten.

Diese Rahmenbedingungen machen es zunächst erforderlich, möglichst immer wertvolle Kontrakte zu spielen: Oberfarben oder SA, und nicht die ‚wertlosen’ Unterfarben (‚minors are for the birds’): 8 Stiche in SA = 120, in OF = 110, in UF = 90. Nicht selten spielt man besser eine Oberfarbe im 5-2 oder 4-3-‚Fit’, als eine Unterfarbe. Besonders das Unterfarb-Vollspiel ist im Paarturnier ein oft schweißtreibend erspielter Nuller: Mit langen Unterfarben ist SA immer die erste Wahl, die zweite Vollspieloption (mit einer komplett ungedeckten Farbe) ist ein Oberfarbspiel im 4/3-Fit. Im Matchpunkt-Scoring spielen Überstiche eine überragende Rolle, eben weil sie den eigenen Score gegenüber dem Rest des Feldes markant aufwerten können; in einem sicheren 3-SA-Kontrakt mit 9 Top-Stichen wird man unbedingt Überstiche suchen und hierfür ggf. auch den Ruin der Hand in Kauf nehmen (s. unten). Hat man einen Kontrakt ersteigert, wird man nach Ansicht des Dummies zunächst eine Einschätzung der Lage versuchen, und jetzt die Abspiel-Strategie wählen. Dabei ist es wichtig, den ‚Saal’, also die Mitspieler im Auge zu behalten. Hat man voraussichtlich einen sehr guten Kontrakt gerreizt, wird man ein sicheres Abspiel wählen und nicht auf Überstiche spekulieren; der Score ist schon durch die Reizung recht gut. Hat man aller Voraussicht nach den ‚Saalkontrakt’ erreicht, sollte man dasjenige Abspiel wählen, das der Saal auch wählt: in der Regel das sehr riskante, auf Überstiche ausgerichtete Abspiel. Tut man dies nicht und spielt einen Stich schlechter als der Saal, wird nun der Score sehr ungünstig sein. Geht man bei diesem Abspiel unglücklich down, dann ist man meist in (guter) Gesellschaft, weil ein großer Teil des Saales das eigene Schicksal teilt und auch down ist (jedenfalls in einem größeren, besser besetzten Turnier). Hat man einen schlechten Kontrakt erwischt, z.B. ein Vollspiel nicht ausgereizt, sollte man hingegen mit maximalem Risiko spielen. Man kann nicht mehr viel verlieren – der Score ist schon wegen des Kontraktes schlecht. Hat man unterreizt, kann soll man also versuchen, besser zu spielen als die Wenigen, die auch unterreizt haben. Zuerst muß man allerdings ausloten, ob das verpaßte Vollspiel auch tatsächlich erfüllbar ist. Falls nicht, ist man mit seiner positiven Anschrift jetzt - glücklicherweise - wieder auf der Gewinnerseite.

Gute Paarturnier-Spieler beherzigen einige ‚eherne’ Grundsätze: Dubiose Schlemms und Vollspiele soll man lieber nicht reizen, stattdessen bescheiden positiv schreiben. Vollspiele, die sich knapp unterhalb der Schlemmzone bewegen, sollte man besser in SA spielen, auch mit einem guten Oberfarb-Fit. Oft erzielt man in SA die gleiche Anzahl von Stichen, für 10 Scorepunkte mehr. Auch Kleinschlemms sollte man hinsichtlich ihrer Spielbarkeit in SA prüfen. Mit schwächeren oder ‚halbstarken’ Händen soll man möglichst zügig den Endkontrakt reizen; lange, umtriebige Reizungen sollten sehr starken Händen vorbehalten bleiben. Ein aggressiver Eröffnungs-Stil ist von großem Vorteil; nach eigener Eröffnung kann der Gegner oft nur noch relativ unpräzise agieren. Opferkontrakte sollte man nur in günstiger Gefahrenlage und immer mit Blick auf den Saal reizen. Hat der Gegner nach eigenem Eindruck vermutlich den Top-Kontrakt gereizt, verbessert ein Opfer den Score auch nicht wesentlich; es ist jetzt meist angezeigt, im Gegenspiel den Faller zu suchen. Hat der Gegner nach uninformativer Reizung einen Saalkontrakt erreicht (z.B. nach einer Reizung 1 SA – 3 SA), sollte man auch das ‚Saalausspiel’ wählen, um nicht einen teuren Überstich herzuschenken. Bleibt der Gegner nach ungestörter Reizung in einem billigen Teilspiel, soll man nach Möglichkeit diesen ‚Wunschkontrakt’ nicht spielen lassen, sondern intervenieren (wobei derjenige, der dies nun tut, Partners Punkte mitreizt!). Sehr oft kann man den Gegner eine Biestufe höher und in einen Faller treiben (manchmal endet das aber auch mit einem fatalen Kontra der Gegner). Reizt der Gegner einen Großschlemm, ist dies meist eine Top-oder-Nuller-Situation. Gegen einen Farbkontrakt ist hier jetzt Trumpf-Ausspiel fast immer die beste Wahl, denn der Alleinspieler wird in der Regel keinen keinen Trumpf-Stich abgeben (jedes andere Ausspiel kann hingegen den 13. Stich bescheren, den der Alleinspieler besser alleine suchen sollte, wenn er wirklich fehlt).

Eine spezielle Bedeutung kommt im Paarturnier dem Kontra zu, das besonders in kompetitiven Reizungen im Teilspielbereich gute Scores einbringen kann. Man sollte nicht kontrieren, wenn dies dem Gegner hilft, die Hand zu erfüllen, und man sollte auch nicht kontrieren, wenn sich der Gegner verreizt hat – meist wird dies auch ohne Kontra ein gutes Board, und das Kontra bringt den Gegner vielleicht noch zurück auf den ‚rechten Weg’.

 

©: Dr. Christoph Höcker, 86415 Mering